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Keine Angst vorm Konditionieren

Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die sich in Sachen Training – sei es nun Hund oder Pferd – weiterbilden. So gab es 2006 eine Studie, die zeigte, dass nur 3% aller professionell mit Pferden arbeitenden Menschen die positive Verstärkung richtig beschreiben konnten und nur 12% von ihnen die negative Verstärkung. Ich möchte hier jetzt gar nicht so sehr auf die Fachbegriffe eingehen. Nur so viel sei gesagt, dass die negative Verstärkung das Hauptinstrument im Pferdetraining ist. Wenn dann nur 12% der professionell (!) arbeitenden Pferdeleute das richtig beschreiben können, ist das schon erschreckend. Glücklicherweise ändert sich das aber mehr und mehr.

Mit dem erweiterten Wissen um die Theorie, die hinter dem Lernen und dem Training seht, ziehen natürlich auch Fachbegriffe in die Sprache ein. Das „Konditionieren“ ist ein solcher Fachbegriff, der nichts anderes als Lernen bedeutet. Nichts weiter. Konditionieren hört sich aber anscheinend für viele Laien irgendwie erschreckend an. Diese Unsicherheit wird dann auch noch bedient, indem manche Trainer – auch wieder sowohl beim Pferd als auch beim Hund – damit werben, dass sie nicht konditionieren, sondern kommunizieren.

Fakt ist, dass man mit einem Tier nicht zusammen sein kann, ohne zu kommunizieren und ohne konditionieren. Beides gehört zusammen. Alleine durch meine Anwesenheit kommuniziere ich bestimmte Dinge dem Tier. Das kann alles Mögliche sein, z.B. bestimmte Gefühle, Erwartungen usw.. Das ist auch so, wenn ich gar nicht beabsichtige, das Tier zu trainieren. Genauso ist das mit dem Konditionieren, also mit dem Lernen. Auch das findet immer statt. Ein Tier kann gar nicht nicht lernen.

Hier zwei Beispiele aus dem täglichen Leben: Der Hundehalter möchte spazieren gehen, zieht die Jacke an und nimmt die Hundeleine. Der Hund läuft schon zur Türe und springt bellend auf und ab. Die Tür geht auf und beide verlassen das Haus.

Oder das zweite Beispiel: Das Futter für die Pferde wird vorbereitet. Einige Pferde im Stall klopfen an die Boxentüren. Das Futter wird verteilt.

Zwei ganz alltägliche und vielen bekannte Situationen, die erst mal scheinbar gar nichts mit Training zu tun haben. Und doch findet sowohl eine Kommunikation als auch eine Konditionierung statt. Im ersten Fall kommuniziert der Halter, wir gehen spazieren. Das Öffnen der Haustüre ist eine Belohnung für den Hund, weil er sehr gerne spazieren geht. Welches Verhalten wird nun belohnt? Genau: das Bellen und Rumspringen an der Tür. Würde man das mit Absicht trainieren wollen? Wahrscheinlich nicht. Aber genau das passiert in dem Moment.

In dem Pferdebeispiel ist es ähnlich. Das Klopfen an die Boxentüre wird belohnt durch das Futter. In beiden Fällen findet also sowohl Kommunikation statt als auch Konditionierung also Lernen. Der Hund denkt er müsste an der Türe hochspringen, damit sie auf geht, das Pferd denkt es müsste an die Türe klopfen, damit es Futter gibt.

Das waren jetzt unbeabsichtigte Lernsituationen, mit denen ich zeigen wollte, dass Lernen und Kommunikation immer stattfindet, nicht nur dann wenn wir uns vornehmen zu trainieren.

Verkündet jetzt also einer, dass er kommuniziert statt konditioniert, besagt das in der Regel zwei Dinge: Zum einen outet er oder sie sich damit, dass noch nicht einmal grundlegendes Wissen von Lerntheorie vorhanden ist. Zum anderen wird das genutzt, um die Anwendung von Strafe schön zu reden. Denn bei solchen Leuten bedeutet dann „Kommunizieren“ nichts anderes als Bedrohen. Und Konditionieren wird dann abfällig die Arbeit mit Belohnung genannt. Dabei wird in beiden Fällen sowohl konditioniert als auch kommuniziert.

Lerntheoretisch ist das Arbeiten über Bedrohung durchaus ein funktionierendes Vorgehen. Ich kann über das Bedrohen eines Tieres gewünschtes Verhalten bekommen. Die entsprechende Belohnung wäre dann das Nachlassen der Bedrohung. Damit eine Bedrohung eine Bedrohung ist, müssen ihr aber in der Regel auch hin- und wieder „Tatsachen“ folgen, also wirklich Schmerz- oder Schreckreize, sonst würde die Bedrohung wirkungslos werden. Das damit viele negativen Nebenwirkungen verbunden sind, möchte ich nur am Rande erwähnen, weil das jetzt gar nicht das Thema sein soll.

Würden entsprechende Trainer jedoch lerntheoretisch korrekt beschreiben, was sie tun (Voraussetzung ist natürlich, dass sie das auch könnten), dann würden sie wohl viele Tierhalter abschrecken. Wer bedroht schon gerne sein Tier? Oder wer fügt ihm gerne Schmerzen zu? Also wird alles schön umschrieben und es wird eine Art Propaganda betrieben, indem man allgemein gültige Begriffe in der Lerntheorie zu potentiellen Monstern erklärt, so wie es mit dem Konditionieren oft gemacht wird. Diejenigen, die dann durch ihre entsprechend gute Ausbildung solche Begriffe verwenden, haben dann das Nachsehen.

Dabei ist Konditionieren wirklich gar nichts Schlimmes. Ein großer Teil unseres eigenen Verhaltens über den Tag ist konditioniertes Verhalten. Denn auch wir haben gelernt, vieles bewusst, vieles aber auch unbewusst. Und wir lernen immer weiter. Hoffentlich auch in Sachen Hunde- oder Pferdetraining.

3 Kommentare
  1. Hallo Viviane,

    das was du beschreibst, ist schon richtig. Aber es gibt eben auch die anderen „Extremisten“, die das Lernen auf das operante Lernen bzw. die operante Konditionierung beschränken. Das wird dem Tier genauso wenig gerecht. Auch beim Kommunizieren wird gelernt und das geht natürlich nicht nur mit Bedrohen oder einer nicht verstandenen Lerntheorie einher.
    Lernen findet auf den unterschiedlichsten Ebenen statt. Da irgendwas auszuklammern oder zu präferieren ist in meinen Augen immer ein Fehler, egal aus welcher Ecke er gemacht wird.

    Letztendlich wird sich so oder so jeder seine „Theorie“ so zurecht schustern, daß es für ihn angenehm ist. Je mehr und je besser die Informationen zu allen Bereichen sind, desto größer ist dann auch die Palette des einzelnen, mit dem Tier wirklich gut umzugehen.

    lg Klaus

  2. Wie schön ist dies zu lesen….und dass mal einer sagt..ein Tier kann nicht, nicht lernen.
    Gruß
    Uwe&Whisky

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