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Hundetraining und unsere Kinder in der Schule

Was hat Hundetraining mit der Situation unserer Kinder in der Schule zu tun? Ich höre schon jetzt den entrüsteten Aufschrei von nicht hundehaltenden Eltern, wenn man einen solchen Vergleich wagt. Aber auch unter den Hundehaltern wird es einige geben, die wahrscheinlich entrüstet sind.

Tatsache ist jedoch, dass auch der Mensch ein Säugetier ist und sich somit in Sachen Lernverhalten gar nicht so sehr von den Tieren unterscheidet.

Das Hundetraining hat sich in den letzten Jahren enorm weiter entwickelt. Das Training über positive Verstärkung – und damit der Spaß an der Arbeit – verbreitet sich immer mehr.  Dass man bei Kindern auch mit der positiven Verstärkung vorsichtig sein soll, belegen inzwischen auch viele Tatsachen. Denn auch das ist nur eine Art der Manipulation, und wenn es ums Lernen geht, kann man damit die Motivation, die von innen kommt, sogar kaputt machen. Mehr zu diesem Thema, für die, die es interessiert gibt es in dem Buch „Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft jenseits von Belohnung und Bestrafung“ von Alfie Kohn. Das hat mir so manche  Augen geöffnet. Und ich weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, was positive Verstärkung bei Kindern anrichten kann. Aber darauf will ich hier gar nicht näher eingehen, weil das für viele wohl noch zu weit voraus gedacht ist und sicher einige Diskussionen entfachen würde.

Ich möchte auf etwas viel naheliegenderes eingehen und zwar die Sache mit dem vergifteten Signal. Forscher haben inzwischen schön gezeigt, dass man bei einem Hund ein Signal „vergiften“ kann, wenn es mit Druck aufgebaut wird. Der Hund lernte in der Studie zweimal ein Signal für „Komm“. Das erste rein über positive Verstärkung, das andere mit einer milden Form von Druck, der darin bestand, dass der Hund an einer Leine sanft heran gezogen wurde und dann auch ein Leckerchen bekam, wenn er nicht alleine auf das Signal reagierte.

Ganz deutlich zeigte der Hund über seine Körpersprache, dass er dieses zweite Signal überhaupt nicht mochte. In Folgestudien versuchte er sogar mit seinen Möglichkeiten zu verhindern, dass es überhaupt gegeben wurde. Auch als er schon hunderte von Malen für sein Kommen auf dieses Signal belohnt wurde und ein Ziehen an der Leine gar nicht mehr nötig war, änderte sich nichts daran, dass der Hund dieses Signal zu vermeiden suchte.

Das Wissen um das vergiftete Signal ist im Hundetraining schon durchaus verbreitet. Und jeder Trainer, der mal versucht hat, ein vergiftetes Signal wieder positiv zu besetzen, weiß wie schwierig das ist, wenn es überhaupt möglich ist.  Denn über den – wenn auch sehr leichten Druck – wurde dem Hund jeder Spaß an der betreffenden Übung verdorben und zwar oft unwiederbringlich.

Und jetzt zurück zu unseren Schulkindern. Wer hat schon mal die leuchtenden Augen der Erstklässler gesehen, wenn es die ersten Tage in die Schule geht? Die Kinder wollen lernen, sie sind sehr motiviert. Leider hält das Leuchten nicht lange an. Spätestens im zweiten Schuljahr ist es bei den allermeisten Kindern verschwunden. Leider. Auch hier wurden Signale vergiftet. Denn auch in der Schule wird mit Druck gearbeitet. Die Signale heißen da nicht „Komm“ oder „Sitz“, sondern „Mathe“ oder „Deutsch“.

Von dem, was wir aus dem Hundetraining wissen, frage ich mich, ob wir uns das leisten können? Denn oft werden ja nicht nur die einzelnen Fächer „vergiftet“, sondern das Lernen überhaupt. An dieser Stelle kann sich jeder mal fragen, was für Assoziationen in ihm hochkommen, wenn er sich vorstellt, jetzt etwas lernen zu müssen. Das ist vielleicht auch mal eine Umfrage im Bekanntenkreis wert. Es ist schon traurig, was dabei heraus kommt. Und können Sie sich vorstellen, dass man aus eigenen Stücken und mit Spaß die Integralrechnung erlernen möchte? Auch das wäre eine Umfrage wert und ich sage mal einfach voraus, dass sich das keiner vorstellen kann. (Es mag einige wenige Ausnahmen geben.) Denn bei uns allen wurde das vergiftet.

Aber es geht auch anders, was inzwischen viele Beispiele zeigen. Das Problem ist nur, dass in Sachen Kinderausbildung die Menschheit noch weit hinter dem Hundetraining zurückhängt. Haben im Hundetraining schon viele verstanden, dass man nicht zwingen muss, um Leistung zu bekommen, meinen bei Kindern alle noch, das ist nicht möglich.

Jetzt sind dann häufig die Argumente, man müsse die Kinder ja aber doch auf das Leben vorbereiten und da kann eben auch nicht jeder machen, was er will. Und genau an der Stelle muss ein Umdenken beginnen. Denn wann ist man gut auf das Leben vorbereitet? Wenn man seine Stärken und Bedürfnisse kennt und wenn man immer bereit ist weiter zu lernen. Und von diesen Dingen lernt man in den heutigen Schulen leider nicht viel. Viel mehr lernt man zu funktionieren. Ich finde z.B. die vielen Burn outs sehr alarmierend. Der Körper zeigt immer, wenn es ihm zu viel wird. Warum fühlen das die Menschen nicht? Weil sie auch nur gelernt haben zu funktionieren und nicht mehr ihre Bedürfnisse kennen. Ist das nicht sehr traurig? Und ist der Preis für dieses Funktionieren nicht sehr hoch?

Ich wünsche mir für unsere Kinder, dass dieses Umdenken bald einsetzt. Denn gerade in der heutigen Zeit müssen wir einfach die Freude der Kinder am Lernen erhalten und fördern wo es nur geht. Wir können es uns nicht leisten, diese zu vergiften.

 

4 Kommentare
  1. Viviane, das hast Du schön geschrieben. Ich habe mich auf der Abschlussfeier meines Sohnes (4. Klasse) im Namen der Eltern bei unserer Schule bedankt. Dabei habe ich auch gesagt, dass ich mir für meine Kinder wünsche, dass sie gerne in die Schule gehen und mit Spass das Lernen lernen. Es ist im Schulalltag nicht immer ganz einfach umzusetzen, wenn man bedenkt, welche Vorgaben die Lehrer haben. Aber Unsere Lehrerin hat den Spagat ganz gut hinbekommen. Natürlich kann sich jeder noch verbessern. Und es gibt sicher unzählige andere Beispiele. Es ist ein schöner Traum. Wir müssen daran arbeiten, dass er Wirklichkeit wird. Ganz nach dem Abschlussmotto unserer 4. Klasse: Halte Deine Träume fest!

    Man kann doch jeden Tag beobachten, zu was Kinder in der Lage sind, wenn sie wirklich wollen. Und wenn sie sollen, dann kommt nicht viel dabei heraus…

  2. Hallo,

    interessanter Beitrag ( ich bin Erzieher und arbeite u.a. mit Hort- bzw. Schulkindern ). Ich bräuchte jetzt noch eine genauere Erklärung in Bezug auf den Transfer der positiven Verstärkung vom Hund aufs Kind ( Stichwort TAG-TEACH ).
    Aus meiner beruflichen Praxis weiss ich das eine gute Erziehung eine Beziehung zwischen Kind und Erwachsenen voraussetzt. Gerade in der Grundschule lernen Kinder am besten, wenn sie eine gute Beziehung zu den Lehrern haben, sie mögen.

    „Dass man bei Kindern auch mit der positiven Verstärkung vorsichtig sein soll, belegen inzwischen auch viele Tatsachen.“
    Das würde mich interessieren;-)Ich habe gute Erfahrungen mit der positiven Verstärkung bei Kindern gemacht ( allerdings wie oben geschrieben mit der Voraussetzung einer guten Beziehung zueinander ).

    Gruss Michael

  3. Hallo, ich habe den Artikel gerade gelesen und finde ihn sehr interessant. Ich habe mich bemüht meine Kinder so zu erziehen und ich hoffe es ist mir so weit wie möglich gelungen. Grundvoraussetzung ist die ständige Reflexion des eigenen Handelns. Der Kommentar von Herrn Geckeler zeigt schon einige Schwierigkeiten auf, die gute Beziehung zu den Kindern (sie lernen besser, wenn sie den Lehrer mögen) oder der Lehrer sie. Die Konstellation ist der Anfang der positiven Manipulation, das Kind lernt um dem Lehrer zu gefallen! Als Erzieher bin ich verpflichtet jedes Kind gleich zu behandel und anzunehmen und das ist das grösste Problem. Es gibt einige Lern-bzw.Erziehungsmodelle die schon seit längerem auf diesem Prinzip funktionieren: Montessorie: Hilf mir, es selbst Zutun! Oder Rudolf Steiner mit seinen Waldorfschulen. Leider sind sie bis heute in unserer Gesellschaft mehr oder weniger geächtet. Der zweite Faktor ist, das wir uns schwer tun von „jüngeren“ zu lernen. Praktisches Beispiel, meine jüngste Tochter arbeitet in der Hundeschule und ich gehe mit meinem Hund in ihren Kurs. Regelmäßige Frage:“Sie lassen sich wirklich von ihrer Tochter was sagen? “ Ja und ich habe in meinem Leben niemals mehr gelernt wie seit ich meine Kinder habe. Schönen Dank für den Beitrag

  4. Hallo nochmal,

    schade.Hätte mich gerne mehr über das Thema ausgetauscht.

    Freundliche Grüsse

    Michael

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